Großer Karfreitags-Tauschtag in Rathenow
In der Aula der Grundschule am Weinberg findet am 3. April 2026 ab 9:00 Uhr wieder ein Tauschtag für Briefmarken, Bankwährungen usw. statt.
Mehr Infos siehe NEUES-Beitrag "Großtauschtag in Rathenow"
Kurztext: Ab dem 17. Juni 1953 streikten Frauen des Premnitzer Kunstseidenwerks gegen erhöhte Arbeitsnormen und niedrige Löhne. Trotz Drohungen durch sowjetische Truppen und Einsatz der Kasernierten Volkspolizei hielten sie ihre Forderungen aufrecht. Der Streik am 19. Juni, von den Sowjets beendet, erzielte dennoch Erfolge: Normen wurden zurückgesetzt und 10.000 DM für soziale Betreuung bereitgestellt. Für die mutigen Frauen führte ihr Protest zum Erfolg.
Streiksituation im Premnitzer Kunstseidenwerk
Frauen beendeten Streik erst am 19. Juni 1953
von Jürgen Mai
Die Stimmung in der DDR war schlecht im Jahre 1953. Rigorose politische und wirtschaftliche Zwänge gegenüber der Bevölkerung führten zunehmend zur Unzufriedenheit, so auch bei der Belegschaft des Kunstseidenwerks in Premnitz.
Erste Arbeitsverweigerung im April 1953
Bereits im April 1953 kam es im Werkstattbereich zu einer Arbeitsverweigerung von etwa 300 Handwerkern, da die bisher gezahlte Leistungszulage zum Lohn wegfallen sollte. Die Folge wäre eine Lohnminderung von durch-schnittlich 80 DM gewesen (damals war die „Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" die Währung in der DDR). Gleichzeitig trat wegen sogenannter Preisregulierung die Verteuerung einiger Waren ein. Die Werkleitung sah sich wegen der Proteste der Handwerker gezwungen, die Veränderung der Lohnberechnung zurückzunehmen.
Blick in die Zwirnerei des Kustseidenwerkes Premnitz. Fäden wurden durch Drehung gefestigt. Auch in dieser Frauenabteilung kam es am 17. Juni 1953 zum Streik, der länger andauerte als anderswo in der DDR. Am 19. Juni 1953 fuhr der sowjetische Militärkommandant "schweres Geschütz" auf. Den Frauen wurde mit drakonischen Strafen gedroht. Foto Stadtarchiv Premnitz
Erhöhung der Arbeitsnormen auch bei den Frauen
Große Verärgerung verursachte die Umsetzung des Beschlusses des Ministerrats vom 28. Mai 1953, die Arbeitsnormen um 10 Prozent anzuheben. Diese Maßnahme wurde ohne jegliche technische Voraussetzungen auch im Kunstseidenbetrieb in den Abteilungen Zwirnerei, Haspelei und Konerei durchgesetzt - eine Katastrophe für die dort unter schweren Arbeitsbedingungen und bei hoher Lärmbelästigung tätigen Frauen.
Solidarisierung mit Streikenden in Berlin
In dieser angespannten Lage war es nicht verwunderlich, dass am 17. Juni die Nachricht über den Streik der Berliner Bauarbeiter auch in Premnitz zu Protestaktionen führte. Bauarbeiter der Bau-Union von Premnitzer Baustellen erklärten sich mit ihren Berliner Kollegen solidarisch und marschierten zum Kunstseidenwerk, wo ihnen Arbeiterinnen der Haspelei das Tor öffneten. Vor der Kantine versammelten sich rund 1.000 Menschen. Vor allem die Belegschaft des Kunstseidenbetriebs legte die Arbeit nieder. Es wurde eine Streikleitung gewählt. Einige der Hauptforderungen der Streikenden waren: Senkung der Normen und bei nächster Lohnzahlung Auszahlung nach der alten Norm; keine Normen, sondern gesunden Stundenlohn; Zahlung eines 50-prozentigen Sonntagszuschlags; Senkung der HO-Preise. So geht es aus einem am 7. Juli 1953 verfassten Bericht der SED-Kreisleitung Rathenow hervor, der im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLH) lagert.
Fortsetzung des Streiks trotz militärischem Druck
Der Streik in Premnitz wurde am 18. Juni fortgesetzt, da auf die Forderungen nicht reagiert wurde. Der sowjetische Militärkommandant des Kreises Rathenow griff ein und verfügte: „Letzte Warnung 18.06.1953,13.30 Uhr: Innerhalb von 15 Minuten haben sämtliche Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Wird diesem Befehl nicht Folge geleistet, wird Militär eingesetzt." Auch hierüber gibt es ein Dokument im BLH. Sowjetische Soldaten und Kräfte der Kasernierten Volkspolizei (KVP) besetzten sodann das Werksgelände.
Mutige Frauen trotz weiterer Eskalation
Hervorzuheben ist der Mut der Frauen und Mütter, auf ihren Forderungen zu bestehen und den Streik fortzusetzen, denn es war nicht abzusehen, welche Konsequenzen sie erwarteten. In der nachträglichen Auswertung durch die SED-Kreisleitung vom 7. Juli (Geheime Verschlusssache) wurde berichtet: „Am feindlichsten verhielten sich die Frauenabteilungen, wie Haspelei und Zwirnerei, in denen besondere Unzufriedenheit wegen der Heraufsetzung der Normen herrschte". Da der Streik auch noch am 19. Juni andauerte, fuhr der sowjetische Militärkommandant ein stärkeres Geschütz auf: „Befehl des Militärkommandanten: Das Kunstseidenwerk „Friedrich Engels" ist der einzige Betrieb der DDR, in dem die normalen Arbeitsbedingungen nicht hergestellt sind. Um diesen faschistischen Umtrieben ein Ende zu bereiten, befehle ich auf Grund des verlängerten Ausnahmezustands: Bis zum 19.6.1953, 8 Uhr vormittags, muss die Arbeit in vollem Umfang aufgenommen sein." Es folgen weitere Anweisungen, die in der Drohung gipfeln: „Wer diesem Befehl nicht Folge leistet, ist ein Feind des Volkes, wird als Faschist betrachtet, verhaftet und vor das Kriegstribunal gestellt."
Erzwungenes Streikende bringt Zugeständnisse
Diese Androhung von Repressalien und von körperlicher Gewalt, auch gegen streikende Frauen, führten am 19. Juni zur Beendigung der Arbeitsniederlegung. Doch man hatte wichtige Zugeständnisse erkämpft: Zurücksetzung der Normen auf den Stand vom 1.4.1953, Bereitstellung von 10.000 DM für hygienische und soziale Betreuung.
Respekt daher vor den Streikenden vom Juni 1953, speziell vor den mutigen Frauen der Kunstseide!
Erschienen mit geringfügigen Änderungen am 14. Juni 2023 in der BRAWO, Lokalausgabe Rathenow